Schlafprobleme - Was die Medizin wirklich weiß
Jeder dritte Deutsche schläft schlecht. Die Tipps kennen alle. Trotzdem liegen nachts Millionen wach. Zeit für einen ehrlichen Blick auf das, was wirklich hilft.
"Ich kann einfach nicht schlafen."
Wenn ein Patient das sagt, frage ich immer nach: Können Sie nicht einschlafen? Oder wachen Sie nachts auf? Oder beides?
Die Unterscheidung ist wichtig. Die Ursachen sind verschieden. Und die Lösungen auch.
Schlaf ist keine Kleinigkeit
Schlafmangel ist kein Zeichen von Stärke. Er ist ein Gesundheitsrisiko.
Zu wenig Schlaf erhöht das Risiko für Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen, Depressionen. Es beeinträchtigt das Immunsystem, die Konzentration, die Reaktionsfähigkeit.
Wer chronisch zu wenig schläft, altert schneller. Das ist keine Metapher. Das lässt sich auf zellulärer Ebene messen.
Die Schlafhygiene-Leier
Sie kennen die Tipps wahrscheinlich: Kein Koffein am Nachmittag. Kein Bildschirm vor dem Schlafengehen. Regelmäßige Schlafenszeiten. Kühles, dunkles Schlafzimmer.
Das ist alles richtig. Und meistens reicht es nicht.
Wer echte Schlafprobleme hat, hat diese Tipps schon dutzendfach gelesen. Und liegt trotzdem wach.
Was wirklich dahintersteckt
Bei vielen meiner Patienten sind es nicht die äußeren Umstände. Es ist der Kopf.
Grübeln. Sorgen. Der Gedanke: Ich muss jetzt schlafen. Und genau dieser Gedanke macht das Einschlafen unmöglich.
Es entsteht ein Teufelskreis: Die Angst vor der schlaflosen Nacht führt zur schlaflosen Nacht. Das Bett wird zum Ort der Frustration.
Das nennt man gelernte Schlaflosigkeit. Und sie ist häufiger als viele denken.
Schlafmittel: Die schnelle Lösung mit langem Preis
Benzodiazepine, Z-Substanzen, die klassischen Schlaftabletten. Sie wirken. Kurzfristig.
Das Problem: Der Körper gewöhnt sich daran. Nach zwei bis vier Wochen brauchen Sie mehr für die gleiche Wirkung. Der natürliche Schlaf wird gestört. Und wenn Sie absetzen, schlafen Sie noch schlechter als vorher.
In Deutschland nehmen geschätzt über eine Million Menschen regelmäßig Schlafmittel. Viele seit Jahren. Viele abhängig.
Was tatsächlich hilft
Die beste Therapie bei chronischen Schlafstörungen heißt CBT-I: Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie.
Sie ist wirksamer als Schlafmittel. Ohne Nebenwirkungen. Die Effekte halten an.
Die Grundidee: Den Teufelskreis durchbrechen. Das Bett wieder zum Schlafplatz machen.
Konkret bedeutet das: Nur ins Bett gehen, wenn Sie wirklich müde sind. Wenn Sie nicht schlafen können, aufstehen. Immer zur gleichen Zeit aufstehen, unabhängig von der Schlafdauer.
Das klingt kontraintuitiv. Aber es funktioniert. Bei etwa 70-80 Prozent der Patienten.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Schlafproblemen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt.
Dr. med. Jan Sturm
Facharzt für Allgemeinmedizin, Betriebsmediziner und Ernährungsmediziner
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