Medizin erklärt 23. Dezember 2025 6 Min. Lesezeit

Antibiotika - Wann sie helfen, wann sie schaden

Antibiotika retten Leben. Aber nicht bei jeder Erkältung. Ein Blick auf das, was viele Patienten erwarten - und was medizinisch sinnvoll ist.

Antibiotika - Wann sie helfen, wann sie schaden

"Können Sie mir nicht einfach ein Antibiotikum verschreiben?"

Diese Frage höre ich mindestens einmal am Tag. Meistens bei Erkältungen. Und meistens muss ich sie verneinen.

Das führt regelmäßig zu Enttäuschung. Manchmal auch zu Ärger. Die Erwartung ist klar: Ein Antibiotikum würde die Sache beschleunigen. Aber so einfach ist es nicht.


Viren vs. Bakterien: Der entscheidende Unterschied

Die meisten Atemwegsinfekte sind viral. Erkältungen, grippale Infekte, die meisten Bronchitiden. Gegen Viren sind Antibiotika wirkungslos. Komplett. Sie könnten genauso gut Zuckerwasser nehmen.

Antibiotika wirken nur gegen Bakterien. Und die sind bei einem typischen Schnupfen gar nicht das Problem.

Trotzdem werden in Deutschland noch immer zu viele Antibiotika verschrieben. Manchmal aus Zeitdruck. Manchmal, weil der Patient es erwartet. Manchmal aus Unsicherheit.

Das hat Folgen.


Resistenzen: Die stille Katastrophe

Jedes Mal, wenn ein Antibiotikum eingesetzt wird, überleben ein paar Bakterien. Die resistenten. Sie vermehren sich. Geben ihre Widerstandsfähigkeit weiter.

Das passiert nicht nur bei Ihnen. Das passiert weltweit, jeden Tag, millionenfach.

Die WHO warnt schon lange: Antibiotikaresistenzen sind eine der größten Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit. Wir steuern auf eine Zukunft zu, in der einfache Infektionen wieder tödlich sein können. Weil kein Antibiotikum mehr wirkt.

Das ist keine Science-Fiction. Das ist bereits Realität. In manchen Krankenhäusern. Bei manchen Keimen.


Wann Antibiotika wirklich helfen

Es gibt klare Indikationen für Antibiotika:

  • Bakterielle Lungenentzündung
  • Eitrige Mandelentzündung (mit Streptokokken-Nachweis)
  • Bakterielle Blasenentzündung
  • Borreliose nach Zeckenbiss
  • Viele Wundinfektionen

Bei diesen Erkrankungen sind Antibiotika nicht optional. Sie sind notwendig. Manchmal lebensrettend.

Das Problem: Nicht jeder Husten ist eine Lungenentzündung. Nicht jede Halsschmerz-Episode ist eine bakterielle Angina.


Nebenwirkungen, über die niemand spricht

Antibiotika sind keine harmlosen Bonbons. Sie greifen in das Mikrobiom ein - die Billionen von Bakterien, die in Ihrem Darm leben und wichtige Funktionen erfüllen.

Nach einer Antibiotikatherapie ist dieses Ökosystem gestört. Das kann Wochen oder Monate dauern, bis es sich erholt. Manchmal länger.

Durchfall, Pilzinfektionen, Verdauungsprobleme - das sind die häufigen Nebenwirkungen. Aber es gibt auch subtilere Effekte auf das Immunsystem, den Stoffwechsel, sogar die psychische Gesundheit.

All das für eine Erkältung, die von selbst vorbeigeht?


Meine Bitte als Hausarzt

Wenn ich beim nächsten Erkältungsinfekt kein Antibiotikum verschreibe, dann nicht aus Geiz oder Gleichgültigkeit. Sondern weil es medizinisch nicht indiziert ist.

Ich möchte, dass Antibiotika noch wirken, wenn Sie sie wirklich brauchen. Bei einer Lungenentzündung. Nach einer Operation. Bei Ihrer Mutter im Pflegeheim.

Jede unnötige Verschreibung macht diese Medikamente ein bisschen wirkungsloser. Für uns alle.

Das ist die unbequeme Wahrheit über Antibiotika.


Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Unsicherheiten oder schweren Symptomen suchen Sie bitte Ihren Arzt auf.

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Dr. med. Jan Sturm

Dr. med. Jan Sturm

Facharzt für Allgemeinmedizin, Betriebsmediziner und Ernährungsmediziner

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